Sechs Jahrgänge, sechs Schwerpunkte

Dieses Curriculum verteilt KI-Kompetenz spiralcurricular über die Sek I. Jeder Jahrgang baut auf dem vorigen auf. Der zeitliche Aufwand bleibt überschaubar (3–6 Doppelstunden pro Schuljahr), eingebettet in vorhandene Fächer. Empirisch gestützt durch Laun & Wolff (2025): längerfristige Einbettung wirkt deutlich besser als isolierte „KI-Tage".

5KI als Werkzeug erkennen
6Sicher mit telli arbeiten
7Fakten prüfen, Quellen angeben
8Prompting + ChatGPT betreut
9Recherche mit NotebookLM
10Projektarbeit + Reflexion
05

KI ist auch nur ein Werkzeug

Erste Begegnung. Was kann KI? Was kann sie nicht? Was darf ich, was nicht?
3 DoppelstundenKlassenlehrkraft + DeutschTools: telli
Lernziele
Wissen

Ich kann erklären, was KI ist und was nicht

SuS verstehen: KI ist ein Computerprogramm, das Wahrscheinlichkeiten berechnet — kein „digitales Wesen".

Können

Ich kann telli aufrufen und sicher benutzen

Login per Schul-Account, einfache Frage stellen, Ergebnis lesen, abmelden.

Haltung

Ich weiß, dass KI sich auch irren kann

SuS erleben in einem Experiment, wie KI „halluziniert" — und schließen daraus: nicht alles glauben.

Stundenüberblick
DS Fach Thema Aktivität
1 Klassenleitung „Was ist KI?" Klassengespräch + 4-Ecken-Methode: Wo begegnet euch KI? (Sprachassistent, YouTube-Empfehlung, Übersetzer-App). Lehrkraft erklärt anhand einer einfachen Analogie: KI ist wie ein sehr großes Wörterbuch, das rät, welches Wort als nächstes kommt.
2 Deutsch „telli kennenlernen" SuS loggen sich gemeinsam ein. Erste Aufgabe: „Frage telli, was am 12. Mai 2026 in Bremen für ein Wetter ist." Ergebnis vergleichen mit echtem Wetter. → Erste Halluzinations-Erfahrung.
3 Klassenleitung „Was darf ich? Was nicht?" Spielerische Erarbeitung der drei Stufen 🚫 / 💡 / 🛠️ mit Karten-Sortier-Aufgabe (15 Beispielaufgaben → in welche Stufe?). Klassenrat-Beschluss: „Unsere Klassenregeln zu KI."
Material & Hinweise
Methode

Halluzinations-Experiment

Lass die Klasse telli nach lokalen Fakten fragen, die sie kennen (Schulname, Bürgermeister Bremens, Lehrer). Dokumentiert gemeinsam: Was war richtig, was falsch? „KI tut so, als wüsste sie es — aber manchmal stimmt es nicht."

Bewertung

Keine Note, aber Klassenrat-Beschluss

Am Ende beschließt die Klasse gemeinsam ihre Regeln und unterschreibt eine vereinfachte Eigenständigkeits-Erklärung (Mini-Form). Klasse 5/6

Differenzierung
Sprachschwache SuS

Bilderkarten statt Textaufgaben für die Sortier-Übung; Sätze mit Lücken zum Ergänzen statt offener Fragen. Hintergrund (Laun & Wolff 2025): Sprachschwache SuS profitieren NICHT automatisch von KI; bewusst kleinschrittig einführen.

Erweiterung

Schnelle SuS bekommen die Aufgabe, eine eigene KI-Falle zu erfinden („Frag telli etwas, wo sie sicher danebenliegt") — und der Klasse zu präsentieren.

06

Sicher mit telli arbeiten

Erste echte Anwendungen. KI als Lerncoach erleben — mit Begleitung.
4 DoppelstundenDeutsch + Englisch + GuPTools: telli
Lernziele
Wissen

Ich kenne die 3 Nutzungsstufen

🚫 / 💡 / 🛠️ und weiß, was sie für mich bedeuten.

Können

Ich kann telli sinnvoll bei Hausaufgaben einsetzen

Konkret: KI als Ideengeber für Aufsätze, als Vokabel-Erklärer.

Haltung

Ich weiß, wann ich besser ohne KI arbeite

Reflexion: Was lerne ich nur, wenn ich es selbst mache?

Stundenüberblick
DS Fach Thema Aktivität
1 Deutsch „KI als Ideengeber" Schreibanlass „Mein perfekter Tag". SuS sammeln zuerst eigene Ideen (3 Min.), dann fragen sie telli (Stufe 💡). Vergleich: Welche Ideen sind mir nicht eingefallen? Welche sind besser von mir?
2 Englisch „KI als Vokabel-Coach" SuS lassen sich von telli englische Wörter erklären (statt im Wörterbuch). Anschließend: Vokabeltest ohne KI. Auswertung: Habt ihr beim KI-Erklärenlassen wirklich gelernt?
3 GuP „KI vs. Schulbuch" Frage zur Steinzeit: Antworten von telli und vom Schulbuch vergleichen. Welche Quelle stimmt? Was ist genauer? Was ist verständlicher?
4 Klassenleitung „Meine KI-Regeln zu Hause" SuS formulieren eigene Hausaufgaben-Regeln: „Wann benutze ich KI? Wann nicht?" Anschließend Diskussion mit Eltern als Hausaufgabe.
Material & Hinweise
Vorlage

Mini-Erklärung „Mein Versprechen"

SuS füllen die vereinfachte Eigenständigkeitserklärung selbst aus — als Übung, ohne Bewertungsdruck.

Hinweis

Nie ohne Begleitung

SuS arbeiten in DS 1–3 immer in Tandems oder Kleingruppen mit der Lehrkraft als Coach. Hintergrund: unbegleitete Nutzung verschlechtert Schreibkompetenz (Niloy et al. 2023).

07

Fakten prüfen, Quellen angeben

Übergang zur vollen Form: Quellenangabe wird Pflicht. Kritisches Lesen wird trainiert.
4 DoppelstundenDeutsch + GuP + BioTools: telli, DeepL
Lernziele
Wissen

Ich kann KI-Antworten kritisch prüfen

Ich weiß, dass KI Halluzinationen und Bias produziert.

Können

Ich kann KI-Nutzung vollständig zitieren

5-Punkte-Format (Prompt, Tool, Anbieter, Datum, URL) — Standard-Formular ab JG 7.

Haltung

Ich übernehme Verantwortung für meine Texte

Volle Eigenständigkeitserklärung pro Leistungsnachweis.

Stundenüberblick
DS Fach Thema Aktivität
1 Deutsch „Wie zitiere ich KI?" Einführung in 5-Punkte-Zitierformat. Übungs-Aufgabe: 3 KI-Anfragen stellen, korrekt zitieren, im Heft sammeln.
2 GuP „Halluzinations-Detektive" SuS bekommen 5 KI-generierte Behauptungen über Bremen. Sie müssen herausfinden: Was stimmt? Was ist erfunden? Gegencheck mit Schulbuch / vertrauenswürdigen Webseiten.
3 Bio „KI in Leichte Sprache" Schwerer Bio-Text wird mit telli in Leichte Sprache übersetzt (Stufe 💡). SuS prüfen: Stimmen alle Fachbegriffe noch? Was fehlt?
4 Deutsch „Erste echte Eigenständigkeitserklärung" Kurzes Referat (3 Min.) zu einem Thema nach Wahl, mit erlaubter KI-Nutzung Stufe 🛠️ und vollständiger Doku-Tabelle.
Bewertung
Erstes Mal bewertet

3-Min.-Referat

Bewertung: 50% Inhalt, 30% Eigenständigkeit (Referatsteile, die SuS in Rückfragen erklären können), 20% Doku/Reflexion der KI-Nutzung. Hintergrund: KI-resistente Aufgabenformate (Leitfaden 5.4.1).

Differenzierung

Vorlage-Karte

Schwächere SuS bekommen eine Schritt-für-Schritt-Karte für die Doku-Tabelle. Stärkere SuS dürfen das Referat in zwei verschiedenen KI-Tools generieren und vergleichen.

08

Prompting + ChatGPT betreut

Fortgeschrittene Tool-Nutzung. Jetzt darf in betreuten Settings auch ChatGPT eingesetzt werden.
5 DoppelstundenDeutsch + Englisch + Politik + KunstTools: telli, ChatGPT (betreut), DeepL
Lernziele
Wissen

Ich verstehe, wie Prompts funktionieren

Rolle, Aufgabe, Format, Beispiel — vier Bausteine guter Prompts.

Können

Ich kann zwei KI-Tools sinnvoll einsetzen

telli für Schulalltag, ChatGPT in betreuten Aufgaben (z.B. Englisch-Coaching).

Haltung

Ich erkenne Bias und Stereotype in KI-Antworten

Beispiel: „Beschreibe einen Programmierer" — wer wird beschrieben? Reflexion über Trainingsdaten.

Stundenüberblick
DS Fach Thema Aktivität
1 Deutsch „Prompt-Werkstatt" Einführung der Prompt-Bausteine (Rolle, Aufgabe, Format, Beispiel). SuS schreiben einen schlechten und einen guten Prompt zur gleichen Aufgabe — Vergleich.
2 Englisch „KI-Coach für Speaking" Erste Nutzung von ChatGPT (betreut, in Schul-Tablets). SuS üben Dialoge mit der KI als Sparring-Partner. Wichtig: Lehrkraft moderiert.
3 Politik „Bias erkennen" SuS lassen die KI dieselbe Berufsbeschreibung machen — einmal männlich, einmal weiblich, einmal ohne Geschlecht. Auswertung: Welche Klischees zeigen sich?
4 Kunst „Bild-KI: Originalität vs. Kopie" Eigene Idee zeichnen, dann mit Bild-KI in zwei Stilen umsetzen lassen. Diskussion: Wer ist „die Künstlerin/der Künstler"? Urheberrecht.
5 Deutsch „Argumentation mit KI-Gegenpart" SuS formulieren ein Pro-Argument zu einem Thema, KI liefert das Gegenargument. SuS müssen darauf reagieren — fördert Argumentationskompetenz.
Material & Hinweise
Hintergrund

Prompt-Training ist Pflicht

Empirisch: Ohne Prompt-Schulung können SuS LLMs nicht effektiv nutzen (Nazari & Saadi 2024, in Laun & Wolff 2025). Deshalb DS 1 als Pflichteinstieg.

Sicherheit

ChatGPT nur unter Aufsicht

Schul-Tablets, Lehrkraft im Raum, keine privaten Logins. AGB-Hinweis: ChatGPT offiziell ab 13 Jahren — alle JG 8 erfüllen das. Eltern werden über Elternbrief informiert.

09

Recherche mit NotebookLM

Für das Praktikum: Quellenbasierte Recherche, KI als Sparringpartner für Berichte.
4 DoppelstundenDeutsch + WAT + GuPTools: telli, NotebookLM, DeepL Write
Lernziele
Wissen

Ich kenne quellenbasierte KI

Unterschied: ChatGPT „weiß alles" (= halluziniert) vs. NotebookLM „weiß nur, was ich ihm gebe".

Können

Ich kann KI für Praktikumsbericht einsetzen

Strukturierung, Stilkorrektur (DeepL Write), aber eigene Reflexion bleibt eigene Leistung.

Haltung

Ich weiß, wo KI an Grenzen stößt

Erfahrung sammeln, eigene Beobachtung, persönliches Lernen — das macht KI nicht.

Stundenüberblick
DS Fach Thema Aktivität
1 GuP „NotebookLM kennenlernen" Lehrkraft demonstriert: Drei Quellentexte hochladen, dann gezielt Fragen stellen. SuS arbeiten in Kleingruppen an einem historischen Thema.
2 WAT „Vorbereitung Praktikumsbericht" Aufbau eines Praktikumsberichts, KI als Strukturhilfe (Stufe 💡). Welche Teile sind eigene Leistung (Beobachtung, Reflexion)? Welche darf KI mitmachen (Gliederung, Stil)?
3 Deutsch „DeepL Write — eigener Stil bleibt eigener Stil" SuS schreiben einen kurzen Text, lassen ihn von DeepL Write „verbessern". Vergleich: Was wurde geändert? Welche Änderungen gefallen mir, welche nicht?
4 WAT „Eigenständigkeitserklärung Praktikumsbericht" Vollständige Erklärung üben. Doku-Tabelle ausfüllen mit allen verwendeten Tools.
Bewertung
Praktikumsbericht

Zwei Bewertungsbänder

50% bewertete Praktikums-Erfahrung (eigene Beobachtung, Reflexion, persönliches Fazit) — KI-frei. 50% Strukturierung/Sprache/Doku — KI-Nutzung erlaubt und transparent.

AGB-Check

NotebookLM-Hinweis

Für NotebookLM ist ein Google-Konto nötig (Altersgrenze 13+). Schule prüft AGB-Stand vor jedem Schuljahr; aktuell: ab JG 9 mit Eltern-Information.

10

Projektarbeit + Reflexion

Höhepunkt: Die P10-Projektprüfung. KI darf voll genutzt werden — die Bewertung verschiebt sich auf Reflexion und Verteidigung.
6 Doppelstunden + ProjektProjektprüfung + BegleitungTools: alle erlaubten
Lernziele
Wissen

Ich kenne meine Verantwortung

Auch wenn KI das halbe Projekt schreibt: Ich verantworte jedes Wort, jedes Argument, jede Quelle.

Können

Ich kann ein KI-gestütztes Projekt steuern

Methodisch: Recherche → KI-Sparring → eigenständige Synthese → Verteidigung im Kolloquium.

Haltung

Ich kann meine KI-Nutzung reflektieren

Mündlich erklären können: Was hat KI beigetragen? Was war meins? Was hätte ich ohne KI anders gemacht?

Phasenmodell P10
Phase Wochen Aktivität KI-Stufe
1 1–2 Themenfindung, Forschungsfrage formulieren, Quellen suchen. 💡 Impuls KI darf Vorschläge machen, eigene Auswahl ist verbindlich.
2 3–6 Recherche (NotebookLM), erste Texte, Materialien sammeln. 🛠️ Werkzeug Voll dokumentiert in Tabelle.
3 7–8 Schreibphase, KI als Sparring + Stilcheck. 🛠️
4 9 Reflexion und Selbstbewertung verfassen. 🚫 KI-frei
5 10 Kolloquium / Verteidigung — mündliche Rückfragen. 🚫 KI-frei
Bewertungs-Schema
Bewertung 50/30/20

Verschiebung zur Reflexion

50% Verteidigung im Kolloquium (KI-frei) — Verständnis der eigenen Arbeit. 30% Schriftliches Produkt — Inhalt und Doku. 20% Reflexionsteil zur KI-Nutzung. Hintergrund: SKB 2.2 sieht für KI-erlaubte Projektarbeiten ausdrücklich diese Verschiebung vor.

Übung Kolloquium

Trockenübung in Phase 4

SuS interviewen sich gegenseitig zu ihren Projekten. Frage: „Erkläre mir Punkt X, ohne deine Notizen anzuschauen." Wer das nicht kann, hat zu sehr auf KI vertraut — Frühwarnung vor dem echten Kolloquium.

Abschluss-Reflexion
Mein KI-Profil

Was nehme ich mit?

Jede:r SuS verfasst zum Schulabschluss eine 1-Seiten-Reflexion: „Wie nutze ich KI nach der Schule? Was habe ich gelernt — und was nicht?"

Didaktische Prinzipien — für alle Jahrgänge

Was gilt durchgängig in JG 5–10? Empirisch begründet, schulalltags-tauglich.
HintergrundLaun & Wolff (2025)SKB 2025
Prinzip 1

Begleitung statt Selbstbedienung

KI-Einsatz ist nie „macht mal" — immer mit Auftrag, Zielfrage, Reflexionsanteil. Empirie: Off-the-shelf-Einsatz ohne pädagogische Einbettung zeigt keine Effekte (Laun & Wolff 2025, B = −0,497).

Prinzip 2

Kontinuität schlägt Event

Lieber 4 Doppelstunden über das Jahr verteilt als ein „KI-Tag". Empirie: Interventionen über Wochen/Monate sind signifikant wirksamer als one-shots (B = +0,565 bzw. +0,933).

Prinzip 3

Sprachschwache schützen

Sprachschwache SuS profitieren NICHT automatisch — im Gegenteil. Bewusst kleinschrittig einführen, häufiger im Tandem mit stärkeren SuS arbeiten lassen, Lernerfolg ohne KI absichern.

Prinzip 4

Datenschutz first

telli ist anonym nutzbar — daher Standard-Tool. Externe Tools (ChatGPT, NotebookLM) nur in betreuten Settings, nie mit personenbezogenen Daten.

Prinzip 5

Eigenständigkeit immer mit-prüfen

Bewertung verschiebt sich Richtung Verteidigung, mündlicher Rückfrage, prozessbegleitender Reflexion. KI-Detektion ist KEIN verlässlicher Weg.

Prinzip 6

Kritik gehört dazu

KI ist kein neutrales Werkzeug. Bias, Halluzinationen, Urheberrechtsfragen, Energieverbrauch — werden ab JG 7 thematisiert. Mündige Nutzung heißt: auch sagen können, warum man manchmal nicht nutzt.

Was eine Lehrkraft mindestens braucht (Stufenmodell)
Stufe Können Wird unterstützt durch
1 Telli aufrufen, einfache Prompts schreiben, Eigenständigkeitserklärung anwenden. Pflicht-SchiLf am Didaktischen Tag (siehe Leitfaden 7.1)
2 Aufgaben einer Nutzungsstufe zuweisen, KI-resistente Aufgabenformate gestalten. Fachgruppen-Best-Practice-Sammlung (ab Sommer 26)
3 Verdachtsdokumentation, Stufenverfahren bei Täuschungsverdacht anwenden. Anhang C im Leitfaden + KI-AG-Begleitung
4 Eigene Materialien KI-gestützt entwickeln, Bias und Halluzinationen demonstrieren können. Workshop „Fehleranfälligkeit von KI" (SJ 26/27)
Quellen
  • Laun, M. & Wolff, F. (2025). Chatbots in education: Hype or help? A meta-analysis. Learning and Individual Differences, 119, 102646.
  • Senatorin für Kinder und Bildung Bremen: Empfehlung zum Umgang mit auf künstlicher Intelligenz basierenden Tools in Schule. Handreichung der SKB, Juni 2025.
  • KMK: Handlungsempfehlung zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz in schulischen Bildungsprozessen, 10.02.2025.
  • Bremisches Schulgesetz §40.
  • Kollegiumsbefragung Wilhelm-Kaisen-Oberschule, März/April 2026, n=18.